Autor Thema: Die Holzschutzmittel Opfer  (Gelesen 1838 mal)

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Offline Celsus

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Die Holzschutzmittel Opfer
« am: 07. Januar 2012, 22:06 Uhr »
Eine erschütternde Reportage.
Hier wir aufgezeigt, wie machtlos die Justiz der Industrie gegenübersteht.
Auch wenn heute kein Pentachlorphenol mehr in den Holzschutzmitteln enthalten sein darf, heißt das nicht das von den Holzschutzmitteln der neuen Generation keine Gefahren ausgeht. Das Gegenteil ist der Fall, auch wenn PCP weil produktionsbedingt mit Dioxinen belastet um einiges toxischer ist.
Immer wieder bin ich beeindruckt, von dem Staatsanwalt Erich Schöndorf, der standhaft geblieben ist und dem seine Kariere nicht so wichtig war, wie sich für die schwer geschädigten Menschen einzusetzen.
Von solchen Vorbildern ist sonst weit und breit nichts mehr zu sehen.

Die Holzschutzmittel Opfer - Xyladecor - Legal vergiftet, dann vergessen
In einer humanen Welt dürfte es selbst dann keine Tierfolterei durch die Wissenschaft mehr geben, wenn es begründete Hoffnungen auf echte Fortschritte durch quälende Tierversuche für die Krebsbekämpfung gäbe. Aber nichteinmal das gibt es.
Prof. Julius Hackethal

Offline Celsus

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Re: Die Holzschutzmittel Opfer
« Antwort #1 am: 20. August 2012, 21:27 Uhr »
Giftstoffe welche die Blut-Gehirnschranke überwinden führen zu neurotoxischen Schäden, bei denen es zu Konzentrationschwierigkeiten, Verhaltensveränderungen, und Depressionen kommen kann.

Zitat
Der Tod ist auch dabei

Gar zu oft ist auch der Tod mit von der Chemiepartie. Professor Manz hat diese Zusammenhänge innerhalb seiner Boehringer-Studie eindrucksvoll zeigen können.
Von 1.520 ehemaligen Arbeitern der 1984 geschlossenen Lindan und Dioxin-verseuchten Hamburger Chemiefabrik waren 1990 bereits 356 verstorben. 144, ein gutes Drittel waren Karzinomen zum Opfer gefallen, 22 hatten sich das Leben genommen. Somit lag das Krebsrisiko um 50 Prozent und das Suizidrisiko 300 Prozent über der Norm.
Viele chronische Chemikalien-Kranke, kommentiert Professor Manz die erschreckende Selbstmordquote, halten den Leidensdruck irgendwann einmal nicht mehr aus. Täglich Schmerzen, täglich gesundheitliche Probleme, pausenlos Arztkontakte und Medikamente, die nicht helfen - das bringt selbst die Ehepartner der Kranken an den Rand der Verzweiflung. Zudem falle ins Gewicht, dass die Gifte vornehmlich die Befindlichkeit beeinträchtigen und den Betroffenen die Lebensfreude nähmen. Da sei der Weg zum Suizid nicht mehr weit. Eine Reihe von Patienten hat der Arzt gerade noch vor diesem Schritt bewahren können.
Für Klaus Steinhorst waren alle Hilfen vergeblich. Mit 17 Jahren bezog der Schüler aus Braunschweig das ausgebaute und holzverkleidete Dachgeschoß im elterlichen Haus. 15 Liter Xyladecor waren dort zur Anwendung gekommen; er selbst hatte die Profilbretter “Nordische Fichte” zweimal beidseitig mit dem Holzschutzmittel - Farbton Palisander - gestrichen. Fünf Jahre lang wohnt Klaus Steinhorst in seinem kleinen Paradies. Und wurde krank und kränker. Zuerst waren es Schmerzen in beiden Kniegelenken wie bei Sportverletzungen. Eine solche Diagnose bot sich sogar an, denn Klaus Steinhorst spielte Fußball und lief in seiner Freizeit täglich 10.000 Meter. Die Therapie des Mannschaftsarztes von Eintracht Braunschweig, den er aufgrund seiner Beschwerden aufsuchte, schlug jedoch nicht an. Spritzen, Einreibungen und Bestrahlungen brachten keine Besserung. Statt dessen entwickelte sich ein umfangreiches Krankheitsbild: Bronchitis, ein Magenleiden, Kreislaufschwäche, Müdigkeit, Infekte ohne Ende; in den Fragebogen der Staatsanwaltschaft trägt Klaus Steinhorst 1984 insgesamt 59 Symptome ein, einmal mehr alles von A bis Z, von Abwehrschwäche bis Zahnfleischbluten.
Eine Lehre als Betriebsschlosser mußte er wegen mehrerer Zusammenbrüche aufgeben, eine Lehre als Bauzeichner schaffte er unter großen Schwierigkeiten.
Ein Heilpraktiker und wiederum nicht die Schulmedizin tippte auf einen toxischen Hintergrund seiner Beschwerden und riet ihm schließlich zum Auszug aus der Wohnung. Er zog daraufhin nach Bad Harzburg in eine unbehandelte Wohnung.
Mit dem Datum vom 3. August 1982 schreibt er an die Firmenmutter des Holzschutzmittel-Herstellers. Am Ende seines Briefes heißt es: “…hoffe ich, dass Sie mir helfen können, um wieder gesund zu werden”.
Die Firma antwortete am 10 August auf einen Brief des Vaters mit ähnlichem Inhalt: “Hinsichtlich Ihrer Pläne, die raumklimatischen Verhältnisse in Ihrem Haus durch den Ausbau aller mit Holzschutzmittel behandelter Holzteile zu verbessern, dürften wir Ihnen mitteilen, dass aus unserer Sicht hierzu keine Veranlassung besteht”.
Fünf Jahre später zog Klaus Steinhorst in das Haus seines Bruders nach Hildesheim. Dort ging es ihm zeitweise besser, aber die Zeit im behandelten Dachgeschoß hatten ihre Spuren hinterlassen. Die angefangene Fachoberschule konnte er nicht fortsetzen und schließlich kehrte er zurück ins elterliche Haus nach Braunschweig.
De Eltern opfern sich auf, suchen Ärzte und Krankenhäuser. In Nürnberg finden sie einen Arzt für Naturheilverfahren, der eine Entgiftung durchführen will. Alle drei Wochen fahren Vater und Sohn dorthin. Noch kann Klaus Steinhorst eine Strecke selbst hinter dem Steuer sitzen.
Die Schulmedizin ist längst aus dem Rennen, macht die Sache im Gegenteil noch viel schlimmer. Denn sie stempelt Klaus Steinhorst, weil ihre Apparate nichts anzeigen, zum Simulanten. Von einem psychovegetativem Syndrom ist die Rede. Der vertrauensärztliche Dienst berichtet von einer vermehrten Selbstbeobachtung des Patienten, der dabei anscheinend von pseudo-medizinischen Gedankengängen beeinflusst werde.
“Wenn Sie krank sind ohne Befund,” sagt der Vater von Klaus Steinhorst heute, “dann sind Sie erledigt”. Klaus Steinhorst kämpft um die Kostenübernahme seiner Krankenkasse für einen Aufenthalt in einer Klinik für Ganzheitsmedizin in Bad Rappenau, er bettelt schließlich darum, will auch alle Fahrtkosten selbst übernehmen.
Vergeblich. Schließlich begibt er sich in Behandlung von Rainer Fabig. Der Hamburger Spezialist für Chemikalienkrankheiten diagnostiziert, dass sein Patient in geradezu typischer Weise Holzschutzmittelgeschädigt sei. Für den Werksarzt der Mutterfirma indessen ist das, wie er an die Krankenkasse des Patienten schreibt, allenfalls ein schlechter Scherz.
Klaus Steinhorst wird immer schwächer, liegt oft danieder. Er hat schlimme Schmerzen, verträgt keine normale Nahrung mehr. Schließlich nimmt er nur noch Kefir und Babykost zu sich. Gegen die Schmerzen verschreibt der Arzt schließlich Morphium. Am 12 August 1989, an einem Samstag, als die Eltern zum Einkaufen kurz außer Haus sind, erhängt sich Klaus Steinhorst im mittlerweile sanierten Dachgeschoß seiner elterlichen Wohnung, genau dort wo sein schlimmes Schicksal dreizehn Jahre zuvor begonnen hat.
Auch Anja W. war ein sportlicher Mensch. In ihrer Freizeit ging sie schwimmen oder spielte Tennis. Mit 36 Jahren begann die diplomierte Landespflegerin noch einmal mit dem Studium: Kunstgeschichte war immer schon ihr großes Hobby. 1988 zog sie von Oldenburg an ihren Studienort Wien, wo sie in der Altstadt eine kleine Wohnung fand. Die Massivholzmöbel eines bekannten schwedischen Herstellers strich sie mit einem PCP-haltigen Holzschutzmittel, das es in Österreich noch überall zu kaufen gab. Dann begann der gesundheitliche Abstieg der, wie die Mutter erzählt, bis dahin kerngesunden jungen Frau. Sie wurde heiser, so das die Stimme manchmal versagte, bekam Probleme mit Blase und nieren. Ihre Knochen verformten sich, sie hatte ständig leichtes Fieber und magerte zusehends ab. Sie war dauernd müde und hatte zu nichts mehr Lust. Ängste und nachlassende Konzentrationsfähigkeit hinderten sie daran, ihre Doktorarbeit fertig zu stellen. Und schließlich entzündete sich noch das Auge , in das ihr Jahre zuvor als Folge einer Star-Erkrankung eine künstliche Linse implantiert worden war. Anja W. ging zurück zu ihren Eltern nach Oldenburg. Nach einer weiteren Operation am Auge, bei der die künstliche Linse wieder entfernt wurde, mußte sie eine entstellende Spezialbrille tragen. Ihre Beschwerden besserten sich etwas, aber die Wende schaffte sie nicht mehr. Angst und Depressionen hielten sie gefangen. Schließlich fuhr sie noch einmal mit dem Zug nach Österreich. In Kufstein sprang sie von der Wildbachtal-Brücke in den Tod.

Von Menschen und Ratten
In einer humanen Welt dürfte es selbst dann keine Tierfolterei durch die Wissenschaft mehr geben, wenn es begründete Hoffnungen auf echte Fortschritte durch quälende Tierversuche für die Krebsbekämpfung gäbe. Aber nichteinmal das gibt es.
Prof. Julius Hackethal